Bericht Lesung:
Sprechen und Schweigen über sexualisierte Gewalt

Posted by on Jan 4, 2022 in Allgemein

Sprechen über sexualisierte Gewalt fällt schwer – aber was, wenn nicht das Sprechen, sondern das (Nicht-)Zuhören das Problem ist? Im Rahmen einer Lesung stellte die Autorin Lilian Schwerdtner ihr im Mai 2021 beim Verlag edition assemblage erschienenes Plädoyer für Kollektivität und Selbstbestimmung vor. Wie kann ein Sprechen über sexualisierte Gewalt gelingen und welche Rolle spielt dabei eine Gesellschaft, die mit „achtsamen Ohren“ Betroffenen zuhört? Im Anschluss an Lesung und Diskussion fand eine Mitgliederversammlung des Landesfrauenrates statt.

13.12.2021 | 18-20 Uhr | Online-Webinar

Die Vorsitzende des Landesfrauenrates Dr. Christine Rabe eröffnete den mit über 20 Frauen* gut besuchten Abend mit einer Begrüßung der Anwesenden im Rahmen einer kleinen Vorstellungsrunde. Der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen am 25.11. hätte den Anlass geboten, sich auch als Landesfrauenrat mit dem Thema der sexualisierten Gewalt als krassesten Ausdruck von Unterdrückung näher zu befassen. Lilian Schwerdtners Buch sei eines, das uns alle in die Pflicht nimmt, nicht nur auf allgemeiner Ebene sexualisierte Gewalt abzulehnen. Es gehe darum, konkret dafür zu sorgen, dass gewaltbetroffenen Menschen im Nachhinein nicht noch einmal Gewalt angetan wird. Christine Rabe begrüßte Lilian Schwerdtner, Autorin und Geschäftsführerin des Landesfrauenrates, mit der Frage nach ihrem Zugang zum Thema.

Lilian Schwerdtner bedankte sich für die Einladung und antwortete mit einer kurzen persönlichen Vorstellung: Als Theoretikerin, Aktivistin und Betroffene von sexualisierter Gewalt habe sie sich im Zuge ihrer Master-Arbeit im Fach Philosophie mit dem Thema auseinandergesetzt. Sie habe persönlich erfahren, warum ein Nicht-Gehört-Werden für Betroffene so fatal ist, habe so die Notwendigkeit von Analyse und Aufklärung erkannt und diesen aktivistischen Impuls theoretisch gewendet. Die zentrale Aussage der philosophischen Studie sei, dass Betroffene von Gewalt durch weitere Gewalt zum Schweigen gebracht werden – die zentrale Frage sei, wie das passiere. Diese zweite Form der Gewalt, die sie mit sprechakttheoretischer Argumentation herausgearbeitet habe, sei subtiler und daher umso wichtiger zu reflektieren. Der Diskurs kreise oft um die Frage, wie schweigende Betroffene zum Sprechen gebracht werden könnten – mit diesem Missverständnis werde der massive Effekt des Nicht-Gehört-Werdens noch verstärkt. Oft, so Lilian Schwerdtner, würden Betroffene sprechen, aber auf keine „achtsamen Ohren“ stoßen. Diese Erfahrung der Entstimmlichung durch eine nicht-adäquate Reaktion auf das Sprechen von Betroffenen – etwa durch eine Verweigerung der Antwort – sei nicht nur ein psychologisch-individuelles, sondern auch ein gesellschaftliches, vielschichtiges Problem, das zu bearbeiten sei.

Christine Rabe fragte weiter nach Lilian Schwerdtners Position zum Opferdiskurs oder warum es problematisch sei, wenn sich Betroffene als Opfer sehen bzw. als solche gesehen werden. Lilian Schwerdtner wies auf die Einseitigkeit der gesellschaftlichen Verwendungsweise des Opfer-Begriffs hin. Die Vorstellung eines traumatisierten, gebrochenen, wenig belastbaren Opfers sei eine Vorgabe, die erstens nicht immer zutreffe und zweitens die Handlungs- und Sprechfähigkeit von Betroffenen einschränke: Wer nicht hilflos wirkt, dem werde nicht geglaubt. Wie, so fragte Christine Rabe daran anschließend, könne Sprechen gelingen und welche Strategien gebe es – auch für den Landesfrauenrat –, Strukturen dafür zu fördern? Wichtig sei es, so Lilian Schwerdtner, vor allem Zuzuhören und nicht in Abwehr- oder Relativierungs-Reflexe zu verfallen. Die massive Skepsis, die Betroffenen entgegengebracht wird und der Verdacht der Mitschuld müsse zu Gunsten eines parteilichen Zuhörens verabschiedet werden. Zudem dürfe man nicht nur die individuellen Fälle sehen, sondern die gesellschaftlich-politische Ebene.

In der anschließenden Diskussion konnten weitere Aspekte ergänzt und vertieft werden. So wurde unter anderem die Möglichkeit kollektiven Sprechens, die Definition sexualisierter Gewalt und der Zusammenhang von Sexismus und sexualisierter Gewalt diskutiert. Aus dem Austausch wurde deutlich, dass auch hier die Finanzierung eine Rolle spielt, etwa um Aufklärung, Beratung und Bildung – z.B. Frauenhäuser oder kritische Jungsarbeit – zu ermöglichen. In diesem Zusammenhang wurde der Podcast „Not your Opfer“ (notyouropfer.de) empfohlen, der von Lilian Schwerdtner mitproduziert wird.

Christine Rabe bedankte sich bei der Vortragenden und den Diskussionsteilnehmerinnen, beendete die Veranstaltung und leitete zur anschließenden Mitgliederversammlung des Landesfrauenrates über.

Bericht von Elena Gußmann