„Nicht alle haben Kinder, aber alle haben Eltern. Sorgearbeit geht uns alle etwas an“ – Zukunft der Pflege in Berlin mit Staatssekretärin Barbara König

Posted by on Jun 12, 2017 in Allgemein

Ein Bericht von Jessica D’Agata

„Nicht alle haben Kinder, aber alle haben Eltern. Sorgearbeit geht uns alle etwas an“ – so die Staatssekretärin der Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung Barbara König im Rahmen ihres Vortrags anlässlich des letzten LFR-Plenums am 22. Mai. Die Familie als kleinster Kern der Gesellschaft geht uns alle etwas an und die Frauen, die überwiegend die familiäre Sorgearbeit leisten und die Verantwortung für die Altenpflege tragen, sollen hierbei unterstützt werden. Das ist ein moralischer Imperativ. Denn ihre Arbeit wird trotz gesellschaftlichen Wandels hin zu einer De-Familiarisierung der Sorgearbeit und zunehmenden Professionalisierung von Care-Work nach wie vor sozial schlecht wahrgenommen und monetär entwertet.

Höchste Zeit für eine Aufwertung! Doch wie kann diese gelingen?

Selbst in der deutschen Hauptstadt ist eine effektive Gleichstellungspolitik im Sinne eines gelebten Gender Mainstreaming auf die Arbeitsbedingungen und Arbeitsverhältnisse der beruflichen Pflege noch nicht erfolgt. Hinsichtlich einer besseren Anerkennung, höheren Bewertung und angemessenen Entlohnung der Pflegearbeit auf lokaler Ebene und bundesweit ist es daher notwendig, die Bedingungen für den Pflegeberuf attraktiver zu machen, den Qualifikationsgrad der Pflegefachkräfte durch spezialisierte Ausbildungswege zu erhöhen, Überlastung des Pflegepersonals durch verlässliche Arbeitsbedingungen zu vermeiden und ausreichende Finanzierungsgrundlagen im Sinne einer auskömmlichen Bezahlung für die Pflegekräfte bereitzustellen.

Insbesondere die Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte würde einen wichtigen Beitrag zur Professionalisierung von Care-Work leisten – so die Staatssekretärin – damit diese erfolgreich den Bedürfnissen der Menschen angepasst werden kann. Eine monetäre Aufwertung durch die Einführung von einheitlichen und gerechten Tarifverträgen würde der mangelnden gesellschaftlichen Wertschätzung auch enorm entgegenwirken, da die Lohngefüge aufgrund der zersplitterten Arbeitgeberlandschaft sehr heterogen sind. Doch einheitliche Aushandlungsprozesse sind genauso wenig vorhanden wie dominierende Arbeitsorganisationen, welche die Arbeitsbeziehungen für den gesamt Sozialbereich regeln können. Infolgedessen weichen sowohl die Arbeitsbedingungen als auch die Lohngefüge voneinander ab. Zwar stellt der Mindestlohn in diesem Sinne einen wichtigen Schritt dar, allerdings sollte dieser lediglich die Untergrenze bilden.

Im Sinne einer Besserstellung der Sorgeberufe wäre zudem notwendig, die schulischen Ausbildungswege an die duale Berufsausbildung anzupassen. Die Ausbildungsreform sollte daher die drei Pflegeberufe (Kinderpflege, Altenpflege und Krankenpflege) zu einer generalistischen Ausbildung vereinen. Darüber hinaus soll eine in allen Bereichen auskömmliche Ausbildungsvergütung vorgesehen werden. Dies würde in gewisser Hinsicht die Dichotomie Sorgearbeit-Weibliche Tätigkeit aufheben, da die Pflege ja zu Unrecht nach wie vor als Frauenangelegenheit betrachtet wird.
Der Zusammenhang zwischen dem hohen Frauenanteil im Pflegeberuf und ihrer geringen Entlohnung, der sich auch im familiären Bereich wiederspiegelt, wird deutlich: der Arbeitsbegriff wird wesentlich mit männlicher Erwerbsarbeit verknüpft, während Sorgetätigkeit als Arbeit oftmals nicht anerkannt wird. Große Teile der Care-Arbeit werden im Privaten nach wie vor von Frauen geleistet – und dies gilt als Selbstverständlichkeit. Durch die Aufwertung von Care-Tätigkeiten – so die Staatssekretärin – wird der Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit eingeschlagen.

Im Anschluss an das sehr engagierte Statement der Staatssekretärin diskutierten die zahlreichen Teilnehmerinnen der Veranstaltung noch intensiv die Möglichkeiten und politisch notwendigen Maßnahmen zur Erreichung dieser ambitionierten Ziele. Mit einem herzlichen Dankeschön seitens der Vorsitzenden des Landesfrauenrats Berlin, Regina Seidel, im Namen aller Anwesenden wurde die Staatssekretärin mit vielen guten Wünschen und zahlreichen Anregungen verabschiedet. Und sie versprach, nach Ablauf eines Jahres wieder zu kommen, um über die Ergebnisse ihrer Arbeit zu berichten.

Unsere Stellungnahme zur Zukunft der Pflege in Berlin finden Sie hier.