Ein Projekt für Berlinerinnen mit und ohne Fluchtgeschichte

Das Pilotprojekt „Charlotte, Wilma und Ich“ ist Mitte April 2018 erfolgreich zu Ende gegangen. An dem Kunst- und Kulturprojekt, das im Rahmen des Förderprogramms Frauen-iD vom Paritätischen Bildungswerk Bundesverband e.V. finanziert wurde, nahmen über 30 geflüchtete Frauen aus verschiedenen Unterkünften des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf sowie Berlinerinnen ohne Fluchtgeschichte teil. Das Projekt wurde von der derzeitigen Geschäftsführerin Julia Thierfelder und ihrer Vorgängerin Isabell Merkle geleitet; Bündnispartnerinnen waren die Interkulturanstalten Westend/Ulme 35, das UCW sowie die Gleichstellungsbeauftragte von Charlottenburg-Wilmersdorf, Frau Lück.

Ziel des Projektes war es, geflüchteten Frauen einen Raum zu bieten, in dem sie etwas für sich selbst tun und den oft eintönigen und bedrückenden Alltag im Heim zumindest für einige Stunden vergessen können. Außerdem wollte das Projekt ein Ort sein, an dem sich Berlinerinnen mit und ohne Fluchterfahrung begegnen und einander besser kennen lernen können. Gelegenheit dazu boten Erzählcafés und Workshops. Im Rahmen von Workshops haben die Frauen z.B. das Ausdrucksmalen ausprobiert oder gemeinsam während eines Stadtspaziergangs den Bezirk erkundet.

Auf besonders große Resonanz stieß das Angebot zum gemeinsamen Tanzen: „So etwas müsste es viel häufiger geben“ sagte uns eine kurdische Frau, die mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern schon mehr als zwei Jahre in Berlin ist und auf den Abschluss des Asylverfahrens wartet, „geflüchtete Frauen haben so viel Stress, da ist Sport so wichtig“.

Wichtiger Ort des Austauschs von Erfahrungen war das wöchentlich stattfindende Erzählcafé. Hier schilderten einzelne Frauen eindrücklich die schwierige Situation in den Unterkünften; es wurde deutlich, dass auch ähnliche Probleme (z.B. die Suche nach einem Kitaplatz) für die geflüchteten Frauen ungleich schwerer zu bewältigen sind als für Berlinerinnen ohne Fluchtgeschichte. In den Erzählcafés spielte die Suche nach den eigenen Kraftquellen und Ressourcen eine wichtige Rolle. Zu Wort kamen schöne Erinnerungen, lustige Geschichten aus der Kindheit, einige erzählten von der Kraft, den ihnen ihr Glauben gibt und von der Schönheit ihrer Muttersprache. So sagte uns eine Frau: „Wir sagen nicht Bauchgefühl, wir sagen Herzgefühl – unser Herz sagt uns, was richtig und was falsch ist.“

Nachdem im Laufe des Projekts langsam aber stetig Vertrauen zwischen den Frauen aus dem Bezirk entstanden ist und gemeinsame Anknüpfungspunkte und Interessen entdeckt wurden, ist der Landesfrauenrat Berlin derzeit auf der Suche nach einer Anschlussfinanzierung.

Erfahrungen und Empfehlungen aus dem Projekt „Charlotte, Wilma & Ich“ aus der Perspektive der Projektleiterinnen

Zwei Monate lang hat der Landesfrauenrat Berlin im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf ein Pilotprojekt für geflüchtete Frauen unter der Beteiligung von Frauen ohne Fluchterfahrung angeboten. Ein solches Projekt braucht unserer Erfahrung nach viel Geduld von allen Seiten. Wir blicken jedoch sehr gerne auf die Projektzeit zurück, weil sie uns und die Teilnehmerinnen bereichert hat.

Wir denken z.B. an die neuen Beziehungen und Anknüpfungspunkte, an die vielen ersten Male (z.B. das erste selbst gemalte Bild) und viele, sehr schöne Erinnerungen (z.B. die offenen Augen nach dem Tanzen).

Ausgangssituation:

Die Projekt- und Workshopleiterinnen hatten Erfahrungen in der Arbeit mit Frauengruppen und zum Teil anfängliche Erfahrung in der Arbeit mit geflüchteten Frauen. Als Übersetzerinnen wurden Sozialarbeiterinnen beschäftigt, die in einer der Unterkünfte arbeiten, was sich als sehr hilfreich für den Kontakt mit den Frauen dieser Unterkunft erwies. Wir haben das Projekt allen Unterkünften aus Charlottenburg- Wilmersdorf vorgestellt und in fünf Unterkünften präsentiert. Im Laufe der Projektzeit haben wir uns allerdings auf zwei Unterkünfte konzentriert, weil es unter den jungen Frauen dort die größte Resonanz gab.

Erfahrungen & Empfehlungen

    • Wir empfehlen, Veranstaltungen für geflüchtete Frauen zumindest zum Teil in den Unterkünften zu organisieren. Viele der geflüchteten Frauen in unserem Projekt hatten kleine Kinder und einen anstrengenden Alltag zu bewältigen und waren deshalb nicht bereit, längere Wege mit den öffentlichen Verkehrsmitteln auf sich zu nehmen. Gerade diese Frauen haben sich unserer Erfahrung nach aber besonders über Angebote gefreut, weil sie die Unterkünfte selten verlassen. Falls Veranstaltungen in den Unterkünften nicht möglich sind, empfehlen wir, den Frauen anzubieten, sie aus den Unterkünften abzuholen.
    • Über die Wochen hat sich eine Gruppe von regelmäßigen Teilnehmerinnen herausgebildet, von denen ein Teil per Whatsapp über das nächste Treffen informiert wurde, ein Teil persönlich vor den Veranstaltungen eingeladen und abgeholt wurde. In unserem Projekt war die persönliche Werbung und das Abholen teilweise bis zu Projektende nötig und wir empfehlen anderen Projekten dafür Ressourcen einzukalkulieren.

        •  Wir empfehlen mittel- oder langfristige Projekte, in denen sich eine Gruppe von interessierten Frauen herausbilden kann, zwischen denen Vertrauensbeziehungen entstehen. Dann können eigene Wünsche und Bedürfnisse (teilweise auch erst nach einiger Zeit) artikuliert werden. Die Projektlaufzeit unseres Projekts von zwei Monaten erscheint uns im Nachhinein als zu kurz.
        • Angesichts der Heterogenität der Teilnehmerinnen mit Blick auf Bildung, Familienstand, Herkunft, Meinungen und der Herkunft bestehen in Erzählcafés hohe Anforderungen an eine sensible Gesprächsleitung. Wechsel zwischen Gesprächen in der Gesamtgruppe oder mit den unmittelbaren Nachbarinnen erschienen uns als sinnvoll. Bei manchen geflüchteten Frauen gab es einen hohen Bedarf, die eigenen Sorgen mit anderen Frauen zu teilen. Besonders schöne Gesprächssituationen ergaben sich beim Austausch über Religion und andere persönliche Kraftquellen sowie positive Kindheitserinnerungen.
        • Wir haben gute Erfahrungen mit Formaten gemacht, die es erlauben, beim gemeinsamen Tun ins Gespräch zu kommen. Besonders beliebt waren in unserem Projekt Sportangebote und gemeinsame Unternehmungen wie z.B. ein Flohmarktbesuch.


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