Rezension Unerschrocken 2: Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen

Posted by on Aug 26, 2018 in Allgemein

 Von Rapperinnen und Utopistinnen

Nachdem im Winter 2017 die deutsche Übersetzung der feministischen Graphic Novel „unerschrocken“  von der französischen Illustratorin und Cartoonistin Pénélope Bagieu erschien folgt nun der zweite Band. Nicht minder spritzig und anerkennend kommt die Fortsetzung daher.

Das Konzept bleibt: Zwischen den Buchdeckeln – eine bunte Melange aus Porträts von Frauen aus verschiedenen Jahrhunderten und allen Teilen der Welt. Einige Namen und Gesichter sind aus den Büchern, Film und Medien bekannt, wie das der Kunstsammlerin Peggy Guggenheim, daneben noch zu entdeckende Persönlichkeiten, beispielsweise die Vulkanologin Katia Krafft.

Sollte man sich den zweiten Band auch kaufen, wenn man den ersten schon hat? Unbedingt, denn der zweite Band, hat etwas, was der erste nicht hat, nämlich 15 weitere Frauenbiographien, von unerschrockenen Visionärinnen, und Vorreiterinnen – von der Puppenstubenforensikerin zur Banditenkönigin.

Beeindruckend kraftvoll erscheint das Porträt von Sonita Alizadeh (1996 geboren). In Afghanistan geboren, flieht Sonita  in jungen Jahren vor der Taliban  nach Teheran. Hier befreit sie sich aus den Fesseln ihrer Sozialisierung ( „was Frauen wollen, zählt weniger, als was Männer brauchen“) und  vom Einfluss ihrer konservativen Familie. Ein Traum ist geboren: Sich die Ungerechtigkeit von der Seele rappen. Als ihre Familie allerdings 900 Dollar braucht, um eine Braut für ihren Bruder zu finanzieren, soll Sonita aus Teheran zurückgeholt und an eine afghanische Familie verkauft werden, im Alter von 16 Jahren. In Afghanistan gelten Mädchen ab 16 als ehemündig, mit Zustimmung des Vaters sogar bereits im Alter von 15 Jahren. An diesem Punkt ihrer eigenen Biographie schreibt sie den Rap-Song „Daughters for Sale“, in dem sie die archaische Tradition der Zwangsheirat und die nicht Wertschätzung von Frauen und ihren Ambitionen anprangert.  Gleichzeitig erscheint Rettung in Form von der iranischen Dokumentarfilmerin Rokhsareh Ghaem Maghami. Sie Kauft Sonita frei und dreht im Jahr 2016 eine Dokumentation über die junge Rapperin.  „Sonita“ läuft weltweit auf Festivals. Heute unterstützt Sonita die Frauenpolitische Organisation „Girls not Brides“ (Mädchen – und nicht Bräute!).

Genauso integer und ähnlich mutig: Die Begründerin des investigativen Journalismus Nelly Bly (1864-1922). Ihr  bürgerlicher Name lautet Elisabeth Cochran,. Zwar kleidete sich Elisabeth gerne in rosa, „doch hinter dieser Bonbon-farbenden Fassade steckte das rebellischste und sturste Cochran-Kind“. Einige Jahre später stößt Elisabeth auf einen Artikel in der „Pittsburg Dispatch“  mit dem Titel „Wozu Mädchen gut sind“ –eine Reproduktion des archaischen und einengenden vorherrschenden bürgerlichen Frauenbild des 19. Jahrhunderts. Daraufhin formuliert sie eine gepfefferte Antwort, die der Herausgeber amüsiert zur Kenntnis nimmt.  Sie bekommt einen Job bei der Zeitung und bleibt sich selbst treu. Elisabeth stammt aus einfachen Verhältnissen – und fortan berichtet sie selber nur über die Kämpfe der schlecht gestellten Arbeiter und Arbeiterinnen und über reale Probleme auf der Welt. Sie geht sogar noch weiter. Um ganz nah am Geschehen zu sein, lässt sie sich in eine psychatrische Klinik einweisen und berichtet später für die „New York Word“ über die menschenunwürdigen Verhältnisse. Ihre Reportage löst einen Skandal aus es folgen Gerichtsprozesse und Budgeterhöhungen für psychatrische Kliniken. Eine Art „Graswurzel“ Journalismus ist begründet: direkt am Nabel des Geschehens, intensiv recherchiert, fühlbar und erfahrbar. Und vor allem kein Schönwetter-Journalismus, sondern einer, der auch die unangenehmen Tatsachen enthüllt.

Am Beispiel des  Porträts von Hedy Lamarr ( 1914-2000) bringt Bagieu eine aktuelle Problematik ins kollektive Bewusstsein: In dem Moment, wenn Frauen nur auf ihre Schönheit reduziert werden, geht der Welt viel Potenzial verloren. Hey Lamarr wird als Hedwig Kiesler  geboren. Schon als Kind bescheinigen die Leute ihr außergewöhnliche Schönheit. Hedy möchte aber nicht schön sein, sondern lieber Leute und Vogelstimmen imitieren. In der Pubertät verkündet sie ihren Eltern, dass sie die Schule abbrechen und Schauspielerin werden möchte. Und Prompt fliegen der schönen Frau die Rollen der freizügigen Verführerin zu. Beim Rumalbern mit dem Pianisten George Antheil entdeckt Hedy das „Frequenzsprungverfahren“ (Sender und Empfänger springen gleichzeitig von einer Frequenz auf die andere). Ein Verfahren, das dem Militär von Nutzen sein könnte, 1941 meldet sie ein Patent an.  Damals wird sie nicht ernst genommen („ sehr hübsch Darling!“) , ihr Patent läuft nach 17 Jahren ab und wird dann erst von einem Militäringenieur entdeckt und gefeiert. Die Lorbeeren ernten andere. In den Nachrufen auf ihre Person wird vor allem ihre Schönheit gerühmt, nicht aber ihr genialer Erfindergeist.

Pénélope Bagieu holt mit ihrer unerschrocken Reihe das Licht von 15 Frauen unter dem Scheffel hervor und wertschätzt ihren Tatendrang, ohne dabei auszublenden, wie viel Kraftaufwand, Traurigkeit und Krise hinter jeder Errungenschaft steht. Die Emotionen (teilweise auch Tragik) der Geschichten in Comicform ausgedrückt, bieten hier eine lebendige, gewitzte bis ironische Lesart an: schmunzeln erlaubt!

Text: Yalda-Hannah Franzen 

 

Leave a Reply