Rezension Unerschrocken 1: Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen

Posted by on Jul 13, 2018 in Allgemein

Erst vor kurzem wurde der zweite Band von „Unerschrocken“ in Deutschland veröffentlich. Wer sich den ersten Band dieser Reihe in Erinnerung rufen möchte, dem sei die Rezension von unserer Bloggerin Yalda-Hannah Franzen empfohlen.

Elena Favilli, Francesca Cavallo und Pènelope Bagieu haben etwas gemeinsam: Sie machen es sich zur Aufgabe männlich dominierte Geschichtsschreibung zu korrigieren – und zwar indem sie Bücher herausbringen, welche die unzähligen weiblichen Errungenschaften, die seit der Menschheitsgeschichte zwar existieren, aber häufig im Angesicht männlicher Heldentaten verblassen, den Leser*innen direkt vor die Nase halten.

Die beiden zuerst genannten Italienerinnen veröffentlichten im Herbst 2017 mit der deutschen Version von „Goodnight Stories for Rebel Girls “,  99 Gutenachtgeschichten von außergewöhnlichen, aber vergessenen Frauenfiguren. Pénélope Bagieu brachte im September 2016 eine Art feministisches Comic, eine sogenannte „Graphic Novel“ auf Französisch heraus.

Die französische Illustratorin und Cartoonistin, Jahrgang 1982, wurde in Frankreich durch ihren autobiographischen Comic-Blog „Ma vie est tout à fascinante“ bekannt.  In „unerschrocken“ werden 15 spannende Frauen auf die charmante und spitzfindige weise, wie es nur ein Comic vermag, porträtiert. Im Winter 2017 erschien nun auch die deutsche Übersetzung.

Angefangen mit Clémentine Delait, der Frau mit Bart, die am Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich zur Welt kam. Lange bevor ein Wort wie „queer“ in den Köpfen der Menschen existierte, zeigten sich bei der Französin körperliche Merkmale, die sich zwischen männlichen und weiblichen Attributen bewegten. Und zwar nicht durch leichten Stoppelwuchs, sie hatte einen richtigen Rauschebart.

Clementine ließ sich nicht von den Kommentaren anderer beirren und trotz Nachfrage nicht als Jahrmarktattraktion exotisieren, lieber eröffnete sie eine Bar in den Vogesen. Und erlangte hinter dem Tresen (und auch manchmal auf dem Tresen!) eine gewisse Bekanntheit. Sie lebte bis zum Ende selbstbewusst und über jede Kritik an ihrem Äußeren erhaben. Ihren Grabstein zierte, auf eigenen Wunsch: „Hier ruht die Dame mit Bart“! Dabei zeichnet Bagieu ansatzweise karikaturenhaft (die Nase der unbeugsamen Schauspielerin Margaret Hamillton ist noch ein bisschen krummer, als in Realität) und definitiv kess, aber niemals vorführend.

„Unerschrocken“ präsentiert eine gute Auswahl an vorwiegend unbekannten Gesichtern. Eine Ausnahme bildet Josephine Baker (1906-1975). Hier enthüllen die Texte, neben bereits Bekanntem auch, dass sie 1000 mal mehr war, als „nur“ eine Tänzerin. Sie galt als Ulknudel und erregte somit in einem schwarzen Ensemble Aufmerksamkeit, später versucht sie sich auch im Singen („Les deux amours“). In Wirklichkeit hat sie aber etwas mehr, als zwei Liebschaften. Als der Nationalsozialismus Einzug hält, beginnt Josephines nächste Metamorphose. Sie wird zur Widerstandskämpferin und Spionin der Resistance, schmuggelt Nachrichten mit unsichtbarer Tinte auf ihre Notenblätter , schlägt Krawall in amerikanischen Bars mit Rassentrennung. Sie heiratet spät („der fünfte ist der Richtige“) und adoptiert 12 Kinder aus der ganzen Welt.

Auch die Erfinderin der grauen nilpferdähnlichen Fantasiewesen „Mumins“ ist unter den Porträtierten. Tove Jansson (1914-2001) studierte Kunst und kämpfte in der damaligen Männerdomäne der bildenden Kunst um Anerkennung, erst mit den Mumins gelang der Durchbruch. In die Mumins steckte sie viel ihrer eigenen Biographie. Wie zum Beispiel in den Figuren Tofslan und Vifsclan, die beiden gehen immer Hand in Hand und tragen einen geheimen Koffer. Er steht symbolisch für ihre eigene Homosexualität und Liebe zu ihrer Lebensgefährtin, der Künstlerin Tuulikki Pietilä.

Als reine Prosa wären die Porträts deutlich schwerer verdaulich, so viel Tragik steckt oftmals in den einzelnen Lebensgeschichten –so aber (als Comic) tänzeln sie daher, als würde man ein erheiterndes Glas Wein dazu trinken.

Bagieus Graphic Novel zeigt es: Es gibt (und gab zu allen Zeiten) all diese grandiosen Frauen. Frauen mit Biss, Frauen mit dem nicht zu bändigen Willen, die Welt zu beeinflussen. Wir aber, müssen verdammt noch mal hinschauen.

Text: Yalda-Hannah Franzen 

 

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