Filmkritik: Embrace

Posted by on Mai 17, 2017 in Allgemein

Eine Rezension von Yalda-Hannah Franzen

Wie würdest du deinen Körper beschreiben? „ Fett“, „klein“, „schwabbelig“, „ekelhaft“, „komisch“. Regisseurin Taryn Brumfit bittet in Einkaufsmeilen rund um den Erdball Frauen um ein Statement zu ihrem Körper. So eindrucksvoll beginnt die Eingangszene der Dokumentation und eröffnet somit gleich eine emotionale Dimension auf das Thema Bodyshaming. Schätzungen zufolge sind 91% aller Frauen weltweit unzufrieden mit ihrem Körper, egal wie alt sie sind. Woher diese Statistik kommt und wie sie erhoben wurde, bleibt dabei außen vor. Zumindest aber bot das Thema genug Zündstoff für die Australierin Taryn Brumfitt, um daraus einen Film mit dem mutmachenden Titel „Embrace“ (Umarme dich!), zu drehen. Mit einer Kickstarter-Kampagne sammelte sie Geld, um ihren Film finanzieren zu können. Die Berliner Schauspielerin Nora Tschirner sah den Aufruf bei Facebook, beide Frauen vernetzten sich und Nora Tschirner wurde zur Co-Produzentin. Am 11.5.2017 lief der Film in den Kinos an.

Die Fotografin und Dreifachmutter Taryn Brumfitt hat dieses sogenannte Body-Shaming hinter sich. Nach der Geburt ihres dritten Kindes dachte sie zuerst über eine Schönheitsoperation nach und stürzte sich dann ins Training. Sie kämpfte gegen ihre Pfunde mit Hanteln und Situps, doch als sie tatsächlich zu einem Catwalk für Bodybuilderinnen eingeladen wird und mit ihrem Sixpack auf dem Laufsteg steht, ist sie nur eines: unglücklich. Als ihr zusätzlich bewusst wurde, welches Vorbild sie so gerade für ihre Tochter abgab, ging sie durch ihre persönliche Katharsis. Sie begann wieder durchschnittlich zu essen und bekam einen „normalen“ Körper. 2012 postete sie ein ungewöhnliches Vorher-Nachher-Foto bei Facebook. Ungewöhnlich, da es nicht das typische „vorher dick, nachher schlank“-Motiv abbildete, sondern ein „vorher Bodybuilderin, aber grimmig, nachher normal und zufrieden“. Damit löstee Taryn Brumfitt eine Welle der Begeisterung und Solidarisierung aus – der Startschuss eines leidenschaftlichen Plädoyers für die Vielfältigkeit weiblicher Schönheit ging viral.

In ihrem Film geht es also um die Fragen: Was ist schön? Und wer bestimmt, was schön ist? Und vor allem: Wie gehen wir damit um? Taryn Brumfitt hat sie sich gestellt und damit gleichzeitig eine Bewegung namens Body Image Movement begründet. Unter ihren Anhängern sind sowohl Chefredakteurinnen von Modemagazinen als auch feministische Bloggerinnen.
Um ihre Message „Liebe deinen Körper, denn du hast nur einen!“ zu bebildern, reiste sie mit der Kamera in verschiedene Länder und interviewte Frauen, die ihre Körper lieben, auch wenn sie keineswegs den vorherrschenden Schönheitsidealen entsprechen. Wie zum Beispiel Harnaam Kaur, eine Frau mit üppigem Bartwuchs. Sie leidet an einer Stoffwechselstörung. Mittlerweile wäre diese zwar behandelbar, Kaur möchte trotzdem so bleiben, wie sie „von Gott geschaffen wurde“. Der Weg zur Selbstakzeptanz war steinig. Zwischenzeitlich litt sie an Depressionen und hatte Suizidgedanken. Mittlerweile hat sie als Frau mit Vollbart eine gewisse Bekanntheit erlangt, arbeitet als Bodyconfident-Aktivistin und hat 80.000 Follower auf Instagram. Und findet sich einfach nur schön. Weitere Protagonistinnen sind eine Frau, die sich bei einem Feuer das ganze Gesicht verbrannt hat, eine Moderedakteurin, Nora Tschirner, und viele weitere.

Die Ursachen des Bodyshaming werden in schnellen Bildmontagen angerissen.
Die Macherinnen führen den Zuschauern vor, wie wir von den Medien mit Idealen des weiblichen Körpers bombardiert werden, vornehmlich im Stereotyp blond, helle Augen, groß, schlank, körperlich unbeeinträchtigt und idealerweise einer Lücke zwischen den Oberschenkeln.
Diese Bilder kontrastiert Brumfitt mit dem von ihr organisierten Fotoshooting „normaler“ Frauen (dick, dünn, beeinträchtigt, ethnisch vielfältig, Transgender). Sie lächeln in die Kamera, wie bei einer Dove-Werbung. Auch wenn der Film an dieser Stelle wenig in die Tiefe geht, führt er zumindest die Einseitigkeit und auch Absurdität der Schönheitsindustrie vor. Noch deutlicher wird dies, wenn Brumfitt sich als Selbstversuch von einem Schönheitschirurgen begutachten lässt. Die Kamera filmt, wie sie von oben bis unten mit dem Korrekturstift bemalt wird. Der Arzt schlägt sogar vor, das Fett aus den Schenkeln in den Po zu spritzen. Und, ach ja: „Ihre Brüste werden nicht wieder hochkommen“. Ihre Antwort und damit einer der besten Sprüche des Films: „Ja, sie haben drei Kinder gestillt, dafür müssten sie eigentlich in den Walk auf Fame aufgenommen werden“. Ein Stern wird eingeblendet mit dem Schriftzug „Taryns boobs“!

Auch wenn die Richtung des Filmes stimmt, fehlen ihm streckenweise die Feinheiten und Sensibilitäten. Er bleibt etwas fokussiert auf den Aspekt der Selbstwahrnehmung der Frau (Es ist eure Entscheidung, wer ihr sein wollt!) und streift die Rolle von Werbung, Erziehung, Frauenrollen und Geschlechterkorsetts nur mit der Fingerspitze. Der Part des Mannes sowie die Bedeutung von Schönheit bei Männern werden ausgeklammert. An manchen Stellen bleiben die Botschaften oft gehört und wenig ausgefüllt stehen und erinnern an Ratgeberseiten aus Illustrierten. Trotzdem hat der Film einen guten Kern und besonders durch die eingewobene Familiengeschichte von Taryn Brumfitt auch immer wieder authentische und kraftvolle Momente. Zum Schluss richtet sich Taryn sich an ihre Tochter. „Darling Girl, don‘t waste a single day of your life at war with your body… just embrace it“.
Und schlussendlich an die Zuschauerinnen:

“I have embraced, will you”?

2 Comments

  1. sara
    18. Mai 2017

    Never ending story……… Schönheit und Selbstakzeptanz, ein Thema, dass wohl immer Aktuell bleiben wird. Natürlich bin ich gegen ein vereinheitlichtes Schönheitsbild, doch merke ich immer wieder wie sehr ich selber von den klassischen Schönheitsidealen geprägt bin und in ihren Mustern denke. Darum erscheint es mir so wichtig, meine Gedanken zu dem Thema immer wieder zu prüfen und zu analysieren. Was kommt tatsächlich aus mir, was ist Prägung und von der Gesellschaft/Medien aufgezwungen. Der offene Austausch mit verschiedensten Menschen befreit mich von dem Schönheitskorsett und macht Schönheit zu Geschmackssache. Vielen Dank für die erfrischende und inspirierende Filmkritik!

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  2. Jelena
    5. Juni 2017

    Tolles Thema für einen Beitrag! Und schön geschrieben! Gut und richtig, dass der Film selbst auch stellenweise kritisch unter die Lupe genommen wird!

    Ohja, wer tappt schon nicht in die Schönheitsfalle?! Deswegen ist es so wichtig, immer wieder darauf aufmerksam gemacht zu werden. Wir leben vor allem mit unseren Augen, und für einen reifen Umgang mit dem, was wir sehen, brauchen wir eigentlich unser ganzes Leben.

    Ja, man fühlt sich besonders von „schönen“ Menschen angezogen und interessiert sich in besonderem Maße für sie (das ist auch eine Form von Diskriminierung!); und zugleich entwickelt man einen ganz besonderen Stolz, wenn einem Menschen sagen, wie „schön“ man doch sei. Wenn ich alleine im Wald leben würde, bin ich mir sicher, würde ich – wenn überhaupt – ein Viertel des alltäglichen Aufwands zu meiner optischen Aufbrezelung betreiben und würde wie Nora Tschirner auch einfach mal alle Spiegel in meiner Wohnung entsorgen. Man lebt in vielerlei Hinsicht leider zu einem großen Teil für jemand Anderen, für das Bild, das andere Menschen von einem haben.

    Schönheit wird von Illustrierten und unserer Gesellschaft leider viel zu sehr banalisiert, dabei ist es ein philosophisches Thema, über das man stundenlang angeregte Gespräche führen kann. Eigentlich ist Schönheit ein schönes Thema, und nicht so hässlich oberflächlich, wie es einem in Hochglanzzeitschriften vorkommt. Deswegen gerne noch mehr Filme, Bücher, andere Kunstwerke, Artikel und Rezensionen zu diesem Thema!

    Zwei andere Künstler*innen fallen mir dazu ein: Philip Roth, dessen Bücher allzu oft das gleiche Muster haben – in der Verfilmung seines Buches „Das sterbende Tier“ („Elegy oder die Kunst zu lieben“), in der natürlich die als schön beschriebene Penélope Cruz die Hauptrolle spielt, sagt der Protagonist: „Schöne Menschen sind unsichtbar“. Die Kehrseite des Schönheitswahns ist nämlich, dass uns die optische Schönheit mancher Menschen so sehr blendet, dass wir ihnen keine Chance geben, sich uns mit ihrer inneren Schönheit zu zeigen. Und deshalb sollte man Lili Grüns Haltung folgen: „Ich bin scharf auf Seele!“. Der viel größere Reiz kommt nämlich von woanders, und darauf sollte man sein Augenmerk richten.

    Ich habe schon oft an Menschen geklebt, deren Anblick ich nicht satt werden konnte, und wo man sich wirklich fragt, wie jemand nur so schön sein kann. Aber die schönsten Menschen waren am Ende diejenigen, die lieben und lachen, die sich die Welt aneignen und sie gestalten. Diese Schönheit lässt sich nur nicht so leicht in „Vorher-Nachher-Bildern“ darstellen und kommt selten bei der ersten Begegnung in den ersten Sekunden zum Vorschein…

    Danke für dieses Thema!

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